Yoga und mentale Gesundheit: Lassen sich Ängste wegmeditieren?

Menschen mit Depressionen oder Angstzuständen wird häufig zu Yoga, Achtsamkeits- und Meditationsübungen geraten. Die Meinungen dazu sind verschieden. Einige Menschen schwören auf ihre Meditationspraxis und nehmen deutlich positive Veränderungen in ihrem Alltag und Umgang mit sich selbst wahr. Andererseits gibt es auch Ärzte, die negative Auswirkungen durch Meditation im Zusammenhang mit psychischer Gesundheit festgestellt haben. Lies in dem Artikel mehr über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu, ob sich Ängste wegmeditieren lassen.

Wie ist der Stand der Forschung?

In den letzten Jahren hat die Forschung zu dem Zusammenhang zwischen Meditation/Achtsamkeit/Yoga und psychischer Gesundheit zugenommen, trotzdem bleibt es ein Randthema im medizinischen Spektrum. Daher lassen sich kaum generalisierbare Aussagen treffen. Hier werden punktuell die Ergebnisse einiger Studien vorgestellt.

Eine neue Studie aus dem Jahr 2020 zeigt, dass Yoga die Symptome generalisierter Angststörungen – häufig chronische Nervosität und eine verstärkte Tendenz zur Sorge – mehrheitlich effektiv lindern kann. Die Studienteilnehmer praktizierten regelmäßig Kundalini-Yoga. Ob ein anderer Yogastil die gleichen Ergebnisse zeigt, ist anzunehmen, wurde aber nicht untersucht. Im Vergleich mit Stressmanagement ist Yoga in der Behandlung von Angststörungen effektiver, dennoch zeigt die Studie auch, dass klassische Psychotherapie – in dem Fall kognitive Verhaltenstherapie – nach wie vor die effektivste Methode zur Behandlung psychischer Beschwerden ist.

 Auch die Effekte von Meditation und Achtsamkeitsübungen auf die mentale Gesundheit wurden untersucht. Dabei haben einige Studien zwischen verschiedenen Meditationstechniken unterschieden, z.B. zwischen der Transzendentalen Meditation, wobei der gedankliche Fokus bewusst gelenkt wird (meist auf das Rezitieren eines Mantras) und der Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation. Goyal et al. (2014) finden basierend auf einer Studie mit 3.515 Teilnehmer*innen heraus, dass Achtsamkeitsübungen einen geringen, nachweisbaren Effekt zur Verbesserung von Angstzuständen, Depressionen und Schmerzen haben (Zur Erklärung: Die Effektstärke wird mit 0 bis 1 Punkt angegeben, wobei ein höherer Wert eine stärkere Wirkung anzeigt. Werte zwischen 0,2 und 0,3 werden als „gering“ eingestuft.) Die Effektstärke von Achtsamkeitsübungen bei Angstzuständen wird auf Grundlage der Studie mit 0,22 bis 0,38 und bei leichten depressiven Symptomen mit 0,23 bis 0,30 bewertet. Das scheint wenig, ist aber der Effektstärke von Antidepressiva sehr ähnlich. Ein Zusammenhang zwischen Achtsamkeitsübungen und einer Verbesserung der allgemeinen Stimmung, Aufmerksamkeitsspanne, Drogenkonsum, Ess- und Schlafgewohnheiten ist nicht festzustellen.

Eine andere Studie, die 2014 im Journal of Alternative and Complementary Medicine untersuchte speziell die Transzendentale Meditation und fand heraus, dass diese Technik bei der Behandlung von Angststörungen äußerst wirkungsvoll ist (Johnson und Barnes 2014).

Andererseits können auch negative Auswirkungen von Meditation festgestellt werden. Bei einigen Versuchspersonen verschlimmerte sich der mentale Zustand in Folge von regelmäßiger Meditation.  Das kann laut den Verfassern der Studie damit erklärt werden, dass die Gedanken bei dem Versuch unter Kontrolle gebracht zu werden, in einigen Fällen „rebellieren“ (Farias et al. 2020). Die Forscher*innen raten trotz diesem Ergebnis nicht von Meditation ab. Eher wird zu einer professionellen Meditationsanleitung durch einen Lehrer oder durch aufgenommene, geführte Meditationen geraten.

Insgesamt zeigt die Literatur allerdings vor allem, dass weiterer Forschungsbedarf besteht. Die Möglichkeiten und Grenzen der Meditation sind bisher wenig aussagekräftig erforscht.

Kann Yoga und Meditation eine Therapie ersetzen?

Es herrscht allgemeiner wissenschaftlicher Konsens darüber, dass Meditation, Yoga und Achtsamkeitsübungen mit der richtigen Anleitung hilfreich für die Behandlung von Angstzuständen und Depressionen sind. Die Forschung zeigt allerdings auch, dass sie eine psychologische Behandlung nicht ersetzen. Die besten Erfolgsergebnisse bei der Behandlung mentaler Beschwerden zeigt nach wie vor die klassische Psychotherapie – je nach Patient*in und Problem wird in den meisten Fällen entweder kognitive Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder Psychoanalyse angewandt.  

„Mentale Gesundheit“ ist in den letzten Jahren auf Social Media zum Trend geworden. Aktuell gibt es viele selbst ernannte Heiler und Pseudo-Psychologen, die auf Instagram oder in ihrem Podcast zum Teil unreflektierte und wissenschaftlich nicht belegte Hilfestellungen geben. Die Idee dahinter ist gut – je mehr Hilfestellungen Menschen zur Hand haben, desto besser. Jedoch könnte das wirklich kranken Menschen die falsche Vorstellung vermitteln, dass sich ernsthafte Angstzustände wegmeditieren ließen. Das ist nicht richtig – und gefährlich.

Was wirklich wichtig ist: Mehr Akzeptanz für Therapie

Der Grund, weshalb viele Menschen ihr Leben lieber mit Depressionen und Angstzuständen verbringen, anstatt sich Hilfe zu holen, liegt in der immer noch vorherrschenden mangelnden Akzeptanz von Therapie. Dabei sind psychische Probleme bei Weitem kein Randproblem. Etwa ein Viertel aller Deutschen erkrankt im Laufe des Lebens an einer Angststörung. In den USA ist Angst schon die am meisten verbreitete psychische Krankheit überhaupt. Im Zugeben von psychischen Problemen liegt keinerlei Scham, im Gegenteil gehört es in der modernen Gesellschaft schon nahezu zur Normalität. Dass es ein Angebot zahlreicher Hilfemöglichkeiten gibt – in Deutschland sogar von der Krankenkasse übernommen – ist ein wahres Privileg.

Es scheint, als wären viele Menschen offener gegenüber alternativen Anwendungen wie Yoga und Meditation zur Behandlung ihrer Sorgen und Ängste. Es ist wichtig und richtig, auch diese Methoden anzuwenden und persönlich und individuell auf ihre Auswirkungen zu untersuchen. Es macht auf jeden Fall Sinn, alles auszuprobieren und bei dem zu bleiben, was hilft. Gleichzeitig sollte jedem Menschen allerdings klar sein, dass es in Ordnung ist, auch professionelle psychische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Literaturangaben

Farias, M.; Maraldi, E.; Wallenkampf, K. C. und Lucchetti, G. (2020): Adverse events in meditation practices and meditation‐based therapies: a systematic review, in: Acta Psychiatrica Scandinavia, doi:10.1111/acps.13225

Goyal, Madhav; Singh, Sonal und Sibinga, Erica (2014): Meditation Programs for Psychological Stress and Well-being: A Systematic Review and Meta-analysis, in: JAMA Internal Medicine, doi:10.1001/jamainternmed.2013.13018

Orme-Johnson, David und Barnes, Vernon A. (2014): Effects of the Transcendental Meditation Technique on Trait Anxiety: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials, in: The Journal of Alternative and Complementary Medicine, doi:10.1089/acm.2013.0204

Simon, Naomi; Hofmann, Stefan G. und Rosenfield, David (2020): Efficacy of Yoga vs Cognitive Behavioral Therapy vs Stress Education for the Treatment of Generalized Anxiety Disorder: A Randomized Clinical Trial, in: JAMA Psychiatry, doi:10.1001/jamapsychiatry.2020.2496

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